Das Zeitalter der Erforschung

Eine Vorlesung von Professor Carl Sagan
Cornell Universität, 13. Oktober 1994

Lesezeit: 20-30 Minuten

WIR MENSCHEN SIND ERST SEIT ETWA ZEHNTAUSEND JAHREN EINE ZIVILISATION. Unsere Spezies ist einige Hunderttausend Jahre alt und unsere Gattung, die Gattung Homo, ein paar Millionen. Die längste Zeit unserer Existenz auf der Erde waren wir etwas anderes als sesshaft, und das Wort hat eine solche Aura der Selbstbeweihräucherung: zivilisiert.

Aber was waren wir? Wir waren Jäger und Sammler. Wir wanderten als kleine Großfamilien umher.

Unser heutiges Wissen über die Lebensweise der Jäger und Sammler verdanken wir einigen mutigen und weitsichtigen Anthropologen, die mit den wenigen verbliebenen Gruppen von Jägern und Sammlern zusammenlebten, bevor sie endgültig und vollständig von der Zivilisation zerstört wurden.

Der Anthropologe, von dem ich am meisten über Jäger und Sammler gelernt habe, ist Richard Lee von der Universität von Toronto. Er studierte ein Volk in der Kalahari-Wüste in der Republik Botswana: die !Kung San. Und ich möchte nur einen kleinen Vorgeschmack auf mein Verständnis unserer Vorfahren aus Richard Lees Studien über die !Kung San geben:

Das erste, was ich herausstellen möchte, ist, dass sie hochtechnologisch sind. Die Technologie ist Holz und Stein und die Domestizierung der Feuertechnologie. Aber das ist absolut Technologie. Es gibt Experten und andere Leute, die sich mit der Technik nicht ganz so gut auskennen. Aber sie sind nicht nur zum Spaß technologisch, sie sind technologisch, weil ihr Leben davon abhängt. Das Absplittern und Abplatzen von Steinen für Steinwerkzeuge – damals, bevor es ein wenig Metall in ihrer Wirtschaft gab – ist sehr schwierig, und natürlich haben sie es hervorragend beherrscht.

Unsere archäologischen und anthropologischen Aufzeichnungen belegen eindeutig, dass wir von Anbeginn an Technologen waren. Die Vorstellung, dass Wissenschaft und Technologie etwas Neues, etwas Ungewöhnliches ist – manche Bücher behaupten sogar, nur bedingt menschlich – ist also völlig rückwärtsgewandt.

Technologie ist, wenn überhaupt, die typischste menschliche Aktivität. Obwohl es, wie ich später noch erwähnen werde, keine rein menschliche Aktivität ist.

Für mich eine der spannendsten Erkenntnisse, sind die Fährtenlesertechniken der Jäger und Sammler. Stellen sie sich eine kleine Gruppe mit ihren Bögen und vergifteten Pfeilen, Grabwerkzeugen und ein paar anderen leichten technologischen Geräten vor, die einer Herde folgt. Sie kommen an eine Baumgruppe. Sie werfen einen genauen Blick auf den Boden. Sie wissen sofort, wie viele Tiere vorbeigegangen sind, wie alt sie sind, welches Geschlecht sie haben, und wie lange sie schon vorbeigezogen sind.

„Dieses hier lahmt hinten links.“

“Bei ihrem Tempo sollten wir sie in zwei Stunden überholen können, wenn wir uns beeilen.“

Woher wissen die das alles? Was nehmen sie tatsächlich wahr, um der Herde zu folgen, von der ihr Leben ziemlich stark abhängt?

Zum einen lesen sie die Hufabdrücke. Verschiedene Tiere haben unterschiedliche charakteristische Hufformen. Tiere unterschiedlicher Größe hinterlassen unterschiedlich große Hufabdrücke. Aber die Tiefe und Neigung eines Hufkraters, das Hineinfallen von Kieselsteinen, das Einstürzen der erhöhten Ränder, hinein gewehte Hölzchen und Steine verraten das Alter der Tiere.

Tatsächlich erinnert es mich enorm an die Altersbestimmung von Planetenoberflächen, indem ich mir ansehe, wie frisch die Einschlagskrater sind. Ich denke, der Grund, warum uns das Studium von  Kratern in der Physik so natürlich vorkommt, ist, dass wir es schon seit einer Million Jahren tun.

Sie wissen auch, dass verletzte Tiere in dieser Sonnenhitze gerne die Sonne meiden. Wenn ein Schatten fällt, weichen sie von ihrem Weg ab, um ein wenig durch den Schatten zu laufen. Wo der Schatten auf den Boden geworfen wird, hängt davon ab, wo die Sonne steht. Daher wissen sie, wenn Sie die Abweichung sehen, dass an dieser Stelle einen Schatten gegeben haben musste, als sie vorbeikamen. Aber wo am Himmel musste die Sonne stehen, damit sie diesen Schatten warf? Oh, es war um 11 Uhr heute morgen.

Ich behaupte nicht, dass jeder – nun, es gibt keine mehr, aber noch vor 10 bis 20 Jahren – jeder zeitgenössische !Kung San eine wissenschaftliche Berechnung anstellte, die Trigonometrie des Sonnenwinkels durchführte. Darum geht es gar nicht. Dies war eine Tradition, die jede Generation der nächsten beibrachte. Aber irgendjemand musste es herausgefunden haben. Und dieser Jemand war ein Wissenschaftler. Nur eine weitere Erinnerung, dass wir von Anfang an Wissenschaftler und Technologen waren.

Indigene Jäger und Sammler in Botswana. Technologie ist, wenn überhaupt, die typischste menschliche Aktivität.

Sind wir im Mittelpunkt?

Lass uns nun der wichtigen und bedauerlichen Tatsache zuwenden, dass jede menschliche Kultur sich selbst als Mittelpunkt des Universums betrachtet hat. Aber warum bloß?

Nun, ich denke, es ist sehr einfach. Damals, in Jäger- und Sammlerzeiten, waren viele Formen moderner nächtlicher Unterhaltung nicht verfügbar. Einige natürlich schon, aber viele waren es nicht. Es gab zum Beispiel kein Fernsehen. Also beobachteten die Menschen über der erlöschenden Glut des Lagerfeuers die Sterne. Und sie taten es, stelle ich mir vor, aus vielerlei Gründen. Erstens, weil es einfach umwerfend ist. Wir, die wir unter verschmutztem Himmel und in hell erleuchteten Städten mit Lichtverschmutzung leben, haben größtenteils vergessen, wie wunderschön der Nachthimmel sein kann. Es ist nicht nur ein ästhetisches Erlebnis, sondern weckt ungebetene Gefühle aus Ehrfurcht und Respekt.

Zweitens haben sich die Menschen Geschichten über die Sterne ausgedacht. Sie erfanden den Rorschach-Test.

"Da oben. Folge diesen Punkten. Sieht das nicht wie ein Bär aus?“

"Hmmm, ich denke schon."

Und dann zwangen sie ihre Kinder dazu, sich diese absolut willkürlichen Muster zu merken.

„Papa, ich sehe da keinen Bären.“

“Ach, halt die Klappe."

Und dann kamen die Mythen. Irgendwann davor oder danach. Kleine visuelle Erinnerungen an Geschichten. Der-Bär-hat-deinen-Opa-gefressen wurde dann im Himmel gezeichnet. Oder es gab zuerst die Geschichte, und dann haben die Leute die Bären dort oben platziert.

Aber darüber hinaus hat es auch etwas sehr Praktisches. Die Sterne und ihr Auf- und Untergang sind eine riesige Uhr und ein Kalender am Himmel. In Ermangelung künstlicher Zeitmesser ist das extrem wichtig. Denn schließlich  gibt es bestimmte Jahreszeiten, in denen die Herden ziehen. Es gibt bestimmte Jahreszeiten, in denen die Bäume voll reifer Nüsse oder Früchte hängen. Und wenn man weiß, wann diese Jahreszeiten sind, kann man sich vorbereiten – und essen natürlich.

Eine oberflächliche Betrachtung des Himmels zeigt: Die Sterne gehen im Osten auf, einige von ihnen ziehen direkt über uns hinweg, andere auf kleinen Kreisen nahe am Horizont. Aber sie alle steigen im Osten auf, sie alle gehen im Westen unter. Und tagsüber machen sie etwas anderes. Sie wandern irgendwie unter der Erde herum, an einem Ort den keiner von uns jemals gesehen hat. Und die Erdoberfläche ist flach wie ein Brett. Natürlich. Am nächsten Morgen dann tauchen sie im Osten wieder auf.

Nun, es besteht absolut kein Zweifel daran, dass die Sterne, die Planeten, die Sonne und der Mond alle um uns herum gehen und wir uns offensichtlich nicht bewegen, dass wir uns im Zentrum des Universums befinden. Es ist eine beobachtbare Tatsache. Wer das leugnet, mit dem stimmt etwas nicht.

Das ist die geozentrische Einbildung.

Nicht nur, dass jede Kultur diese Schlussfolgerung gezogen hat, ich denke, es ist offensichtlich, dass unsere Vorfahren eine enorme persönliche Befriedigung daraus gezogen haben. Denk mal darüber nach: Wir sind das Zentrum des Universums. Der Mittelpunkt des Universums ist ganz bestimmt ein wichtiger Ort. Aber nicht nur das. Welche anderen Tiere, welche Pflanzen machen Gebrauch von der scheinbaren Bewegung der Sterne? Nur wir. Deshalb wurden die Sterne zu unserem Nutzen dorthin gestellt – und die Sonne und der Mond sind nützliche Objekte.

Vielleicht haben wir da was durcheinander gebracht. Vielleicht kennst du die alte Geschichte von dem persischen Weisen und Philosophen, der gefragt wurde, was nützlicher sei: die Sonne oder der Mond? Und er antwortete: Natürlich der Mond! Denn die Sonne scheint ja tagsüber, wenn es sowieso hell ist, während der Mond nur nachts scheint, wenn wir ein wenig Licht brauchen.

Aber selbst wenn die Leute etwas falsch verstanden haben, war die Zentralität unserer Position erstaunlich.

Irritierte außerirdische

Ich stelle mir einen außerirdischen Besuch auf der Erde vor. Wohlwissend, dass die Erde einmal im Jahr um die Sonne kreist. Sie hören zu, was die Menschen erzählen. Und diese sagen:

„Wir stehen im Mittelpunkt, wir sind wichtig, wir sind etwas besonderes, alles dreht sich um uns herum.“

Und dann stelle ich mir vor, dass die Außerirdischen uns, naja,  als Planeten der Idioten betrachten.

Aber vielleicht ist das zu hart. Denn es gibt hier einen Zusammenhang zwischen der offensichtlichsten Interpretation absolut einfacher Beobachtungstatsachen – die jeder für sich selbst überprüfen kann, – und unseren emotionalen Hoffnungen und Bedürfnissen. Die Idee, dass das Universum für uns geschaffen wurde, nicht aufgrund eines besonderen Verdienstes, sondern einfach, weil wir hier sind oder einfach nur, weil wir Menschen sind.

Für mich scheint dies auf den gleichen geistigen Quell zurück zu gehen, der für die Ansicht verantwortlich ist, dass unsere Nation etwas Besonderes ist – und das Zentrum des Universums. Was übrigens die wörtliche Bedeutung des Reichs der Mitte ist, das die Chinesen seit Jahrhunderten auf China anwenden.

Du kannst es in den Karten erkennen. Meist zeigt sich jede Nation im Zentrum der Karte. Wenn andere Nationen darauf blicken, wirkt das äußerst merkwürdig zum Beispiel Peru im Zentrum der Karte zu sehen.

„Was macht es da? Das ist ja seltsam."

Es ist der gleiche geistige Quell, dem die Idee entspringt, unser Geschlecht, unsere ethnische Gruppe, unser bestimmter Melaningehalt in der Haut, eine bestimmte Sprache, eine Kopfbedeckung, ein Kleidungsstil, die Art, wie man ein Taschentuch heraus zieht, oder irgendetwas anderes, wäre wichtig und zentral. All diese alternativen Arten des Menschseins seien irgendwie weniger sinnlich, weniger wichtig, weniger wert als wir.

Das ist unser Schwachpunkt!

Und auch Wissenschaftler sind Geschöpfe der Kultur, in der sie schwimmen; in der sie groß geworden sind. Und so sind auch wir anfällig für diesen Sirenengesang, den wir Chauvinismus oder Geozentrismus oder Anthropozentrismus nennen können.

Kampf den Aufklärern

Du weißt, wie die Geschichte weiterging. Abgesehen von einem kleinen Ausrutscher, in Form des Aristarch von Samos, haben wir – jede menschliche Kultur, jeder große Philosoph, jeder Wissenschaftler, jeder religiöse Führer – gedacht, dass wir uns in der Mitte des Universums befinden.

Wir schrieben es auf verschiedenste Weise in unsere Schriften. Erklärten die Schriften für unfehlbar. Dadurch wurde es bis ins späte 15. Jahrhundert nicht nur zu einem weltlichen, sondern zu einem religiösen Verbrechen, überhaupt über das Thema nachzudenken.

Ein Astronom und Kleriker aus Polen namens Nikolaus Kopernikus glaubte, eine alternative Idee entwickelt zu haben: das nämlich die Sonne im Mittelpunkt steht und die Erde, sowie die anderen Planeten, um sie herum kreisen.

Er wusste, wie gefährlich dieser Gedanke war und so hielt er die Veröffentlichung seines Buches zurück, bis er auf seinem Sterbebett lag. Und selbst dann, als das Buch endlich erschien, hatte es ein Vorwort seines wohlmeinenden Freundes Andreas Ossiander, das sich im Wesentlichen so las:

„Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie sich mit diesem Buch beschäftigen, könnte es so wirken, als würde der Autor sagen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Das glaubt er natürlich nicht. Sehen Sie, dies ist ein Buch für Mathematiker. Wenn Sie kein Mathematiker sind, legen Sie das Buch lieber weg.“

Natürlich vereinfache ich hier ein wenig.

„Mathematiker stellen fest, wenn man wissen möchte, wo Jupiter nächsten Mittwoch in zwei Jahren stehen wird, eine gute Antwort bekommt, wenn man annimmt, dass die Sonne im Zentrum steht. Dies ist eine reine mathematische Fiktion, die unseren heiligen Glauben nicht in Frage stellt, und bitte haben Sie keine emotionale Angst beim Lesen dieses Buches.“

Dieser eigentümliche Split-Brain-Kompromiss hielt fast zwei Jahrhunderte, in denen die Leute tatsächlich sagten:

„Nun, es ist alles in Ordnung, es ist nur für Mathematiker. Die Bibel sagt, dass die Erde im Mittelpunkt steht, daran glauben wir alle.”

Und dann, wie du weißt, kam Galileos unverblümte und brillante Verteidigung von Kopernikus, teilweise basierend auf einer Reihe von Beobachtungen des neu erfundenen astronomischen Teleskops. Die Kirche zeigte sich  zunehmend verärgert. Aber Galileo blieb hartnäckig.

Auf Einladung von Franco Puccini, dem Direktor des Arcetri-Observatoriums in Florenz, hatte ich einmal das Vergnügen, in die Fußstapfen von Galileo zu treten und eine originalgetreue Nachbildung seines Teleskops in den Händen zu halten.

Nun, als Galileo zu hartnäckig wurde, zeigten ihm die Kirchenfürsten ihre Folterwerkzeuge in den Kerkern. Es ging ihnen um nichts spezielles, sie dachten lediglich, dass er sie gerne sehen würde. Und kurz darauf legte Galileo sein berühmtes Geständnis ab, in dem er der abscheulichen Lehre abschwor, dass die Sonne und nicht die Erde im Zentrum stehe.

Aber die Weichen waren gestellt, die Debatte ging weiter. Und als im 18. Jahrhundert Bradley die Aberration des Lichts entdeckte und dann im 19. Jahrhundert die lang gesuchte jährliche Parallaxe gefunden wurde, brach der Widerstand in sich zusammen. Und jetzt lernen wir alle, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist.

Wer ist eigentlich Carl Sagan?

Carl Sagan, 1934 in Brooklyn, New York City geboren und 1996 in Ihaca im Bundesstaat New York verstorben.

Carl Sagan wurde der “Hüter der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit” genannt.

Ein Multitalent. Ein talentierter Schüler, aufgewachsen in Brooklyn, der bereits mit 16 an die Universität von Chicago ging.  Ein Star-Astronom, der die Atmosphäre der Venus erforschte und dort den Treibhauseffekt nachweisen konnte. Ein brillanter Erzähler, der mit seinen Sachbüchern und Romanen ein Weltpublikum erreichte, sich 70 Wochen auf der New York Times Bestsellerliste hielt und einen Pulitzerpreis gewann. Ein Forscher, der jahrzehntelang Weltraumroboter bei der Nasa mitentwickelte. Ein Wissenschaftler im besten Sinne, der Wissen schaffte, indem er in seinem Fernseh-Erfolg “Cosmos” über 500 Millionen Menschen weltweit den aktuellen Stand der Wissenschaft erklärte. Ein Suchender, der überzeugt war, dass es noch so vieles zu verstehen gibt.

Die Wissenschaftler selbst misstrauten seinem Erfolg. Harvard wollte ihm als jungen Professor keinen Lehrstuhl geben. Er ging ins beschauliche Ithaca an die Cornell Universität. Dort blühte er auf. Sagan schrieb ein dutzend Bücher, über 500 wissenschaftliche Aufsätze und hielt hunderte Vorträge.

Aber am meisten beschäftigte ihn die Frage des Lebens. Hier auf der Erde und draußen im Universum, "seinem" Kosmos. Wenn es hunderte Milliarden Sterne gibt und Planeten in Sternennähe normal sind, dann kann unser kleiner kosmischer Krümel nicht das einzige Leben hervorgebracht haben. Er suchte, schickte mit Nasa-Raumschiffen Botschaften ins Universum, goldene Schallplatten mit Menschheitsgeräuschen und Liedern und Sprachen. Und eine Karte, wo wir sind.

Jüngst veröffentlichten Astronomen, dass nach Daten des Kepler Teleskops jeder fünfte Stern einen erdähnlichen Planeten um sich kreisen hat. Das wären rund 40 Milliarden Planeten in der Milchstraße, auf denen Leben möglich ist. Carl Sagan hätte sich gefreut.

Die Sonne geht nicht auf

Aber ich denke, es gibt eine Menge Beweise dafür, dass wir alle Geozentristen mit einem heliozentrischen Anstrich sind. Denk nur mal an unsere Sprache. Sonnenaufgang – ich war vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Sonnenuntergang – es war ein traumhafter Sonnenuntergang. Aber die Sonne geht weder auf noch unter. Die Erde dreht sich.

Denk mal darüber nach, wie schwer es  uns fällt, ein einfaches Wort oder eine einfache Phrase zu finden, die der kopernikanischen Perspektive entspricht.

„Billy, sei rechtzeitig zu Hause, bevor die Erdrotation dazu führt, dass der örtliche Horizont die Sonne verdeckt…“ – Billy ist schon nach der Hälfte längst weg.

Warum gibt es im kopernikanischen Kontext keine eingängigen Ausdrücke wie Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?

Jüngste Meinungsumfragen zeigen, dass 25% der erwachsenen Amerikaner nicht wissen, dass die Erde um die Sonne kreist und dafür ein Jahr braucht [dieser Vortrag stammt aus dem Jahr 1994. Die neuesten Zahlen aus dem Jahr 2014 zeigen keine erkennbare Veränderung dieser Zahl]. In China sind es 70 % [zuletzt, 2012, rund 50 %]. Wenn man bedenkt, dass die kopernikanische Perspektive in den USA viel Presse bekommen hat. Ich meine, wir haben die NASA. Es gibt auch andere Fernsehprogramme als „Auf der Suche nach unseren obskuren und irrigen Geheimnissen“ oder wie auch immer es heißt. Wir hören ständig, dass die Sonne im Zentrum steht, und trotzdem scheint es ein Viertel von uns verpasst zu haben. Und in China, wo es keine NASA gibt und wo die Fernsehprogramme viel weniger ausgefeilt sind, hat es ein viel größerer Prozentsatz der Menschen verpasst.

Wenn so etwas wie China typisch sein sollte, könnte es sein, dass heute, fünf Jahrhunderte nach Kopernikus, die meisten Menschen auf diesem Planeten immer noch in ihrem tiefsten Herzen denken, dass die Erde im Mittelpunkt steht. Also, herzlichen Glückwunsch zu unseren Einsichten und der Schlussfolgerung, dass der Mensch etwas Fantastisches und Großartiges ist.

Und dann gibt es die tatsächliche Beobachtung der Umstände, die zuvor scheinbar niemand beachten wollte. Und dann ist das Ergebnis die entmutigende und beunruhigende Entdeckung:

„Nein, wir sind nicht in der Mitte. Nein, wir sind nicht wichtig.“

Und meiner Meinung nach entwickeln sich viele der wichtigsten Erkenntnisse der Wissenschaft und ein Großteil der modernen wissenschaftlichen Perspektive aus Debatten dieser Art.

Der Kampf um Bedeutung

Lassen Sie mich versuchen, einige Beispiele zu skizzieren: Kurz nach Kopernikus gab es Leute, die sagten:

Okay, okay, vielleicht sind wir nicht im Mittelpunkt des Universums. Vielleicht ist dort die Sonne. Aber wir sind der Sonne nahe. Schau, wir sind fast direkt bei der Sonne. Wir befinden uns also fast im Mittelpunkt des Universums. Das ist fast genauso gut.

Also, ist die Sonne im Zentrum des Universums – oder frei übersetzt: im Zentrum der Milchstraße?

Die Antwort lautet: Nein. Wir sind nicht im Zentrum, wo es wichtig aussieht oder zumindest gut ausgeleuchtet ist. Stattdessen befinden wir uns in oder zumindest in der Nähe eines obskuren Spiral-Arms, 30.000 Lichtjahre vom Zentrum der Milchstraße entfernt, in der galaktischen Provinz.

Stell dir mal einen intergalaktischen Reisenden vor, der in die Milchstraße kommt. Was er wohl über uns denken würde? Der Reisende sagt:

„Entschuldigen Sie, Kapitän, dort ist das Zentrum der Milchstraße.”

“Das ist wahr.”

“Aber zählen Sie jetzt mal mit mir die  Spiral-Arme. Hier ist einer. Da ist noch einer – wirklich groß und wunderschön. Da ist noch einer. Dann da drüben, sehen Sie, diesen etwas obskuren Spiral-Arm? Nun, schauen Sie nicht genau hinein, sondern ein wenig außerhalb, am Rand. Sehen Sie da drüben? Ich weiß, es ist schwer zu erkennen. Schauen Sie genauer hin. Genau dort. Nein, nein, nicht das. Das hier! Sehen Sie? Ja. Ja. Die Typen, die dort leben, sagen, dass sie das Zentrum des Universums sind. Und dass das gesamte Universum zu ihrem Nutzen geschaffen wurde.“

Was würdest du von diesen Typen halten? Und dann stell dir vor, du hättest die Information, dass es auf diesem Planeten keine Seele gibt, die anders denkt. Jede von ihnen denkt, dass sie im Mittelpunkt des Universums steht.

Dann gab es einen Moment, in dem man dachte, na ja, wenigstens sind wir in der Milchstraße. Wir befinden uns in der einzigen Galaxie. Aber nein, das ist auch nicht der Fall. Es gibt nicht nur andere Galaxien, es gibt wahrscheinlich bis zu 100 Milliarden davon.

Dann gab es den Augenblick, als der Hubble Flow entdeckt wurde, als man herausfand, dass die Galaxien alle vor uns davonlaufen. Die weiter entfernten Galaxien rennen am schnellsten weg, als hätten wir einen schrecklichen kosmischen sozialen Fauxpas begangen.

Dann gab es Menschen, die aufatmeten und sagten, – das war in den 20er-Jahren dieses Jahrhunderts – schau, wir sind der Mittelpunkt. Zumindest unsere Galaxie. Wir befinden uns nicht im Zentrum unserer Galaxie, einverstanden, aber unsere Galaxie ist im Zentrum des gesamten Universums.

Dies beruht auf einem schwerwiegenden Missverständnis. Es gibt kein Zentrum des Universums, zumindest nicht im gewöhnlichen dreidimensionalen Raum. Und Astronomen in irgendeiner dieser  Galaxien würde alle anderen Galaxien vor ihrer flüchten sehen – genau wie wir.

Sind wir der einzige Planet?

Dann hielt sich für lange Zeit, während meiner gesamten Zeit als Student und Jungforscher, die Aussage: Es gibt keine anderen Planeten. Es gab immer einen nahegelegenen Stern, von dem vermutet wurde, dass er Planeten hat – aber das tat er nie. Barnards Stern war lange Zeit ein wichtiger Hoffnungsträger.

Und wenn es keine anderen Planeten gibt, aber das Leben auf Planeten entsteht, dann gibt es kein anderes Leben und keine andere Intelligenz. In diesem Sinne sind wir im Zentrum des Universums. Nun, ein Merkmal unserer Zeit, der letzten 15 Jahre, ist, dass dieser Chauvinismus schwankt und in sich zusammenbricht. Weil wir entdeckt haben, dass mehr als die Hälfte der nahen, jungen, sonnenähnlichen Sterne zirkumstellare Scheiben aus Gas und Staub besitzen, die der angenommenen Geburtsstätte der Planeten in unserem Sonnensystem sehr, sehr ähneln.

Die wichtigste Erkenntnis war, dass die Bahnebenen der Planeten überwiegend koplanar sind – und das war übrigens etwas, von dem selbst Isaac Newton glaubte, dass er daraus die Hand Gottes ableiten könnte.

Ungefähr so: Gott nahm jeden Planeten und warf ihn in den Anfangszustand – alle in dieselbe Umlaufbahn. Aber Compton  und Laplace wussten es unabhängig besser. Sie benutzten dazu nichts weiter als die Newtonsche Physik. Newton hatte es schlicht übersehen, dass die Erhaltung des Drehimpulses bedeutete, dass eine sich unregelmäßig drehende, sich zusammenziehende Wolke zu einer Scheibe kollabieren würde. Die Bildung von Planeten fände in der Scheibe statt, und daher – Kollisionen mal ausgenommen – müssen die Umlaufbahnen der Planeten koplanar sein.

Es gibt nicht nur erstaunlich viele zirkumstellare Scheiben, sondern wir haben jetzt das erste wirkliche extrasolare Planetensystem, das einen Stern umkreist, der ganz unten auf der Liste potenzieller Kandidaten stand, die man sich vorgestellt hatte: ein Pulsar namens B1257+12. Dieser spezielle Pulsar ist so etwas wie ein Atomkern von der Größe des Cornell-Campus, der sich mit 10.000 Umdrehungen pro Minute dreht.

Es handelt sich um einen Supernova-Überrest. Es muss eine kolossale Katastrophe gegeben haben, die den größten Teil der Masse dieses Sterns weggeblasen hat. Um ihn herum kreisen mindestens drei Planeten mit einer ungefähr erdähnlichen Masse und einer mit etwa mondförmiger Masse. Sie alle umkreisen den Pulsar etwas näher, als Merkur, Venus und die Erde um die Sonne kreisen.

Ob diese Planeten die Supernova-Explosion überlebt haben oder ob sie erst kürzlich aus den Trümmern der Supernova entstanden sind, was auch immer es ist, die Prozesse, die zu Planeten führen, scheinen allgemein anwendbar zu sein.

Die Technologie wird immer besser, so dass wir in den nächsten 10, 20, 30 Jahren, mit anderen Worten, zu Lebzeiten der meisten Studenten in diesem Publikum, umfassende Vermessungen der nächsten paar hundert Sterne durchgeführt haben sollten – vielleicht viel mehr als das – um zu sehen, welche Planetensysteme sie haben.

Diesen Chauvinismus, denke ich, können wir also auch abhaken.

Schau dir das Video von Carl Sagans Vorlesung an (1,5 Stunden)

Auf der Suche nach Bedeutung

Manche vermuten auch, wenn wir schon keine besondere Position im Raum einnehmen, dann haben wir vielleicht eine besondere Position in der Zeit. Wir wurden vom Schöpfer hierher geschickt, um uns um die Dinge zu kümmern. Verwaltung ist das sehr ansprechende Wort, das oft verwendet wird. Wer weiß schon, was ohne uns aus der Umwelt werden würde? Wir haben also die Pflicht, dafür zu sorgen, dass alles so läuft, wie Gott es gewollt hätte.

Das einzige Problem an dieser Theorie ist – nun, es gibt mehrere, aber für mich ist es das Hauptproblem dieser Idee – dass 99,998 Prozent der Lebenszeit des Universums, von seinen Anfängen bis heute, vorbei waren, bevor ein Mensch auf der Bildfläche erschien. Also, wenn wir die Hausmeister sind, wo waren wir die ganze Zeit, in der wir unsere Arbeit machen sollten? Wir waren schrecklich nachlässig. Ich könnte es verstehen, wenn der Obergärtner sehr verärgert über uns wäre, was wiederum vieles andere erklären könnte.

Wir können hier nicht als Hausmeister eingesetzt worden sein, weil wir uns nicht gekümmert haben. A, weil wir nicht hier waren. Und B, weil wir uns selbst dann nicht gut gekümmert haben, als wir hier waren.

Dann gab es die Ansicht, dass unsere Bewegung etwas Besonderes ist, wenn schon unsere Position im Raum oder unsere Position in der Zeit nicht außergewöhnlich ist. Wir hätten einen privilegierten Bezugsrahmen. Das war die klassische absolute Bewegungsphysik, der bis 1905 jeder große Physiker Glauben schenkte. Albert Einstein, ein scharfer Kritiker von Privilegien im sozialen Bereich, misstraute sofort der Behauptung, dass der Planet, auf dem wir leben, an einem imaginären Bezugsrahmen befestigt sei, der besondere Verdienste im Hinblick auf die Naturgesetze hat. Stattdessen fragte er: Was für eine Physik wäre es, wenn du dieselben physikalischen Gesetze herleiten würdest, egal auf welchem Planeten du lebst, auf welchem Stern du lebst?

Das ist eine Annäherung an die spezielle Relativitätstheorie, die immer wieder bestätigt wurde und erklärt, wie das Universum zusammengesetzt ist. Ein weiterer Chauvinismus, der ins Gras beißt.

Dies waren nur einige Beispiele dafür, was Ann Druyan [Carl Sagans Witwe] die großen Herabstufungen nennt. Und es gibt Menschen, die das sehr verstörend finden. Die sich noch immer danach sehnen, im Mittelpunkt zu stehen.

Die großen Herabstufungen

Ein Bereich, in dem du diese Emotionen beobachten kannst – nicht versteckt, sondern deutlich geschrieben – ist der Kreationismus. Die Vorstellung, dass wir die besonderen Geschöpfe der Hingabe des Schöpfers des Universums sind; dass wir uns von anderen Tieren und Pflanzen unterscheiden; nicht nur graduell, sondern in unserer gesamten Art. Du kennst die Liste: Niemand sonst hat Altruismus oder Mitgefühl. Kein anderes Tier liebt seine Jungen. Niemand sonst kann die zukünftigen Folgen gegenwärtiger Handlungen vorhersehen. Niemand sonst hat Kunst oder Musik. Niemand sonst kann Werkzeuge benutzen. Niemand sonst kann Werkzeuge herstellen.

Und diese Liste geht immer so weiter. Platon, Aristoteles, St. Augustinus, St. Thomas von Aquin, Hobbes, Locke stimmten ihr im Wesentlichen zu. Im Grunde stimmten alle großen Figuren der Philosophie zu – mit einer einzigen Ausnahme: David Hume. Hut ab dafür. Sie wurde übernommen von allen Wissenschaftlern, einschließlich der höchst skeptischen bis zum Jahr 1859. Sie wurde natürlich auch von allen religiösen Führern übernommen, zumindest der westlichen Religionen, insbesondere der jüdisch-christlich-islamischen Religion.

1859 unternahm Charles Darwin den ersten und heldenhaften Versuch, diesen Ballon zum Platzen zu bringen, als er zeigte, dass sich eine Art tatsächlich durch absolut natürliche Prozesse entwickeln konnte, ohne dass etwas von einer anderen Art bestimmt wurde. Und dann, mehr als ein Jahrzehnt später, als er den Mut aufbrachte – und davon brauchte er eine Menge – veröffentlichte er sein zweites Buch zu diesem Thema, in dem er andeutet: Das gilt nicht nur für die meisten Arten, sondern auch für uns.

Wir und die Schimpansen haben einen gemeinsamen Vorfahren. Sie sind unsere Cousins. Diese Behauptung macht viele Leute wirklich wütend:

„Warst du in letzter Zeit mal in einem Zoo? Hast du dir angeschaut, was ein Schimpanse macht? Vielleicht bist du mit Schimpansen verwandt, Kumpel, aber ich bin es nicht.“

Nun, wir können in Zoos ungefähr so viel über das Verhalten von Schimpansen lernen, wie wir in Gefängnissen etwas über menschliches Verhalten lernen können. Und das aus genau denselben Gründen: Sie bringen nicht das Beste in uns zum Vorschein.

Aber wenn Menschen wie Jane Goodall sich der Beobachtung von Schimpansen in ihrem natürlichen Lebensraum widmen, die Schimpansen sich daran gewöhnen – die Schimpansen haben nach einer Weile kein Problem mehr damit anzuerkennen, dass die Menschen lediglich etwas unfähige Schimpansen sind – dann finden wir ein ganz anderes Verhalten.

Ein Schimpanse fischt mit einem Schilfrohr nach Termiten. Es stellte sich heraus, dass wir 99,6 Prozent unserer aktiven Gene mit den Schimpansen gemeinsam haben. Wir haben einen gemeinsamen Vorfahren – sie sind sozusagen unsere Cousins.

Die Termitenfischerei

Ich möchte kurz die Geschichte von Géza Teleki erzählen, einem Anthropologen und Tierverhaltensforscher, der Schimpansentechnologie erlernen wollte. Allen voran die Termitenfischerei, in der sie sich gut auskennen. Und so machte er neun Monate lang eine Lehre bei einem  Schimpansen namens Leakey, der ein richtiger Experte war.

Die Schimpansen-Termitenfischerei funktioniert so: Man findet ein Schilfrohr, nicht irgendein Schilfrohr, sondern das richtige Schilfrohr. Man streift die überzähligen Ästen ab, testet kurz, ob es das richtige Schilfrohr ist und geht dann damit zu dem riesigen Termitenhügel.

Termiten verschließen jede Nacht die Eingänge zu ihren Nestern. Der Schimpanse wirft einen kurzen Blick darauf, kratzt zwei, drei Stellen weg, wo die Eingänge zugemauert wurden; nimmt den Schilf- oder Grashalm und schiebt ihn in einer geschickten Bewegung in den Termitenhügel; er dreht ihn ein paar Mal hin und her und zieht ihn vorsichtig heraus. Das Ding ist voller Termiten. Der Schimpanse macht Jam, Jam, Jam und hat eine gute Proteinquelle.

Wenn ein Mensch an derselben Stelle abgesetzt würde und Protein benötigte, wäre diese Quelle für Menschen nicht verfügbar. Teleki, der monatelang Vollzeit mit diesem Problem verbrachte, konnte, A, nicht die richtige Art von Rohr abbrechen – tatsächlich musste er die Reste verwenden, die Schimpansen ausgesucht hatten – und konnte nach neun Monaten die Öffnungen zu den Termitennestern immer noch nicht finden, die der Schimpanse mit einem kurzen Blick erkennt und aufkratzt. Und B, bekam er das Schilf nicht geschickt hineingeschoben. Jedes Mal, wenn er es versuchte, kam das Ding wie eine Ziehharmonika wieder heraus. Auch konnte er es nicht verlockend wackeln und drehen, um die Termiten anzulocken, und konnte es nicht herausziehen, ohne dabei fast alle Termiten abzustreifen. Nach neun Monaten hatte er nur wenige Termiten gefangen.

Schimpansen wissen, wie man Dinge tut. Aber wieso können junge Schimpansen, was Géza Teleki nicht gelernt hat? Ganz einfach: Sie wurden jahrelang ausgebildet.

In Telekis wunderbarem Aufsatz dankt er in den Danksagungen seinem geduldigen Tutor und entschuldigt sich für seine Fehler. Weil sie nicht die Schuld des Wesens sind, von dem er ausgebildet wurde. Es ist einfach so, dass Menschen nicht sehr gut in diesen Dingen sind.

In Atlanta lebt ein Bonobo, eine Art Schimpanse, der nicht nur weiß, wie man Steinwerkzeuge benutzt, sondern auch, wie man Steinwerkzeuge herstellt. Diese Quelle menschlichen Stolzes ist wieder einmal fehl am Platz.

Natürlich gibt es zwischen Schimpansen und uns Unterschiede. Wir haben elektrische Glühbirnen und Polizeiautos, CD-Player, Atomwaffen, alle möglichen Dinge, die Schimpansen nicht haben. Aber wir können nicht behaupten, dass sie keine Technologie besitzen. Und als es Ende des 19. Jahrhunderts möglich wurde, DNA-Sequenzierungen durchzuführen, konnte man ein quantitatives Maß für die Beziehung zwischen Menschen und Schimpansen erhalten. Es stellte sich heraus, dass die beiden Arten 99,6 Prozent ihrer aktiven Gene teilen.

Eine Sicht der Dinge ist also: 0,4 Prozent ist eine viel größere Zahl, als wir bisher vermutet hatten. Man könnte es aber auch anders betrachten: Du willst mehr über uns erfahren? Schau dir Schimpansen an, da gibt es noch viel zu lernen.

Auf jeden Fall ist der Kreationismus wirklich eine Idee von Gestern.  Wäre nichts außer den molekularbiologischen Beweisen verfügbar, wäre es eindeutig, dass wir nichts an uns haben, was uns qualitativ von unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, unterscheidet.

Aus Mangel an Beweisen

Das führt uns zu den gegenwärtigen Standpunkten, um die sich die großen Gefechte des Chauvinismus drehen. Einer davon ist die Suche nach außerirdischer Intelligenz. Wir haben noch nirgendwo anders Leben gefunden, geschweige denn Intelligenz. Wir schicken Raumschiffe zu anderen Planeten, um dort nach Leben zu suchen. Wir bauen große Radioteleskope und lauschen, ob uns jemand eine Nachricht sendet. In letzter Zeit haben diese beiden Aktivitäten zu vereinzelten verlockenden Daten geführt, aber nichts von ausreichender Qualität, um zu sagen, dass wir anderswo Leben oder Intelligenz entdeckt haben.

In unserer Unwissenheit finden die Geozentristen erneut Hoffnung. Sie verwechseln das Fehlen von Beweisen mit einem Beweis für das Nichtvorhandensein:

„Du hast anderswo kein Leben gefunden? Naja, es gibt keines. Wir sind die einzigen Lebewesen im Universum. Hier, auf diesem Planeten."

„Du hast woanders keine Form von Intelligenz gefunden? Tja, woanders gibt es keine. Die gibt es nur hier.  Wir befinden uns im Zentrum des intellektuellen Kosmos.“

Und obwohl ich Dir ein meiner Meinung nach starkes Plausibilitätsargument liefern könnte, warum auch diese Einbildung falsch ist, ist es nur fair zu sagen, dass niemand die Antwort auf diese Frage kennt. Wir haben nirgendwo sonst Leben oder Intelligenz gefunden. Wir sind auf der Suche. Vielleicht werden wir sie morgen finden? Vielleicht wird es noch Jahrhunderte dauern? Vielleicht finden wir sie nie?

Alles, was wir tun können, ist einen offenen Geist zu bewahren. Einen anderen Ansatz gibt es nicht. Keiner muss sich  entscheiden, solange es keine Beweise gibt.

Feinster Anthropozentrismus

Und schließlich führt diese Debatte zu einem neuen und für mich bizarren Punkt. Etwas, das anthropisches Prinzip genannt wird. Was viel besser als Anthropozentrismus bezeichnet werden sollte – der in starken, schwachen und verschiedenen mittelstarken Schattierungen vorkommt:

Das schwache anthropische Prinzip besagt: Wenn die Naturgesetze und grundlegenden Naturkonstanten wesentlich anders wären, dann wären wir jetzt nicht hier. Das ist zweifellos wahr. Kein Problem also.

Dann gibt es da noch ein starkes anthropisches Prinzip, das meiner Meinung nach gefährlich nahe an folgendem Argument liegt: Wir wären nicht hier, wenn die Naturgesetze und die Werte der physikalischen Konstanten anders wären, als sie sind. Daher sind die Naturgesetze und die physikalischen Konstanten so, wie sie sind, damit das Universum uns hervorbringen kann.

„Gott hatte uns im Sinn, als das Universum erschaffen wurde. Und hier sind wir. Wieder zurück im Zentrum des Universums.“

Dazu lässt sich vieles erwidern, auch jener Punkt, den unter anderem Philip Morrison macht: Hat denn bereits jemand nachvollzogen, welche anderen Naturgesetze und physikalischen Konstanten zur funktionalen Äquivalenz von Leben und Intelligenz führen?

Das ist natürlich unmöglich. Man könnte auch dagegen argumentieren, dass es nicht sehr empfänglich für experimentelle Untersuchungen ist, aber ich möchte hier lediglich darauf hinweisen, dass es sehr aufschlussreich ist, es das anthropische Prinzip zu nennen. Denn für die Entstehung eines Felsens sind dieselben Naturgesetze und dieselben physikalischen Konstanten erforderlich wie für die Entstehung eines Menschen. Warum heißt es also nicht das lithische Prinzip?

Es gibt ein starkes und ein schwaches Stein-Prinzip. Und im starken lithischen Prinzip sind die Naturgesetze und die physikalischen Konstanten so, wie sie sind, damit Felsen entstehen konnten. Bei weitem nicht so befriedigend, oder? Aber wenn Felsen philosophieren könnten, würdest du bestimmt nichts vom anthropischen Prinzip hören, und an der Spitze der Stein-Philosophie stünde das lithische Prinzip.

Milliarden und Abermilliarden Sterne. Das Zentrum der Milchstraße, unserer Heimatgalaxie. Riesige Sternenfelder, die nicht mehr als einzelne Sterne erkennbar sind und ein helles Dauerlicht ergeben.

Unsere Existenz im Vergleich

Ich möchte nur zwei Bilder zeigen. Dieses erste Bild ist eine absolut typische astronomische Aufnahme eines sogenannten Sternenfeldes. Schau ruhig genau hin. Was du hier siehst, sind geschätzt einige zig Millionen Sterne. Einer über dem anderen, so dass sie so dicht gedrängt wirken, dass man sie aus größerer Entfernung oder mit einem Teleskop mit kleinerer Brennweite nicht einmal als einzelne Sterne erkennen könnte. Genau das ist auch die Milchstraße: Sterne in Sichtweite, die so dicht gepackt sind, dass es wie ein Kontinuum aus Licht aussieht.

Viele dieser Sterne gleichen mehr oder weniger der Sonne. Wie ich bereits sagte, sieht es jetzt so aus, als ob Planeten eine häufige, wenn nicht unveränderliche Begleiterscheinung der Sternentstehung sind, und ich bitte Sie noch einmal, die Behauptung zu berücksichtigen, dass das einzige Leben und die einzige Intelligenz im Universum einer dieser Punkte ist. Nein, nicht der hier, der da drüben. Siehst du ihn? Das ist er.

“Nirgendwo sonst” ist recht schwierig, aus einem einzelnen Beispiel zu extrapolieren – und ein Beispiel ist alles, was wir haben. Aber dieses Beispiel stimmt so mit den anderen menschlichen Eitelkeiten überein, die ich in den großen Herabstufungen zu skizzieren versuchte, dass ich schon alleine aus diesem Grund misstrauisch bin.

Ich möchte mit einer der vielen seelischen Belohnungen schließen, die mir die Planetenerkundung gebracht hat. Wie Ed Stone [Edward C. Stone – ehemaliger Direktor des NASA Jet Propulsion Lab] in seinem Vortrag darlegte, gab es einen Moment, in dem die beiden Voyager-Raumschiffe ihre Nahaufklärung von Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun beendet hatten. Es gab keinen weiteren Planeten weiter draußen im Sonnensystem, den wir noch erforschen wollten. Also war es nun möglich, die Kameras in Richtung Sonne zu drehen. Und wenn das Schlimmste passieren sollte und wir die Optik durchbrennen?

Na und? Es gab nichts anderes, was wir fotografieren wollten.

Ich wollte schon seit der Saturn-Begegnung die Erde von diesem entfernten Standpunkt aus fotografieren. Und gleichzeitig wollte ich, dass wir zu Uranus und Neptun kommen und sehen, was dort ist. Das Raumschiff übertraf seine Designspezifikationen um ein Vielfaches. Der Großteil unseres Wissens über das äußere Sonnensystem ist darauf zurückzuführen, dass das NASA Jet Propulsion Lab [Nasa-Labor für die Entwicklung von Düsenantrieben] mit diesen außergewöhnlichen Raumfahrzeugen so brillante Arbeit geleistet hat. Sie wurden pünktlich und günstiger als geplant fertig und übertrafen die kühnsten Hoffnungen der Designer.

Jedenfalls war es keineswegs einfach die Kameras umzudrehen. Obwohl es nahezu null Nachteile hatte, erforderte es ein unmittelbares Eingreifen des NASA-Chefs. Aber es wurde gemacht.

Da das Voyager-One-Bild außerhalb der Neptunbahn aufgenommen wurde, war klar, dass die Erde nur als einzelnes Bildelement erscheinen würde. Ein einziger Pixel. Man konnte noch nicht einmal Kontinente erkennen. Auch keine anderen Details. Ich dachte trotzdem, dass es sinnvoll wäre, das Foto zu machen. Im gleichen Sinne, in dem das große rahmenfüllende Apollo-17-Bild der ganzen Erde zu einer Ikone unserer Zeit geworden ist. Weil es uns etwas sehr Kraftvolles sagte, einschließlich der Tatsache, dass nationale Grenzen aus dieser Perspektive nicht erkennbar sind.

Ein hellblauer Punkt. Das letzte Foto der Nasa Voyager Mission. Aufgenommen am 14. Januar 1990 aus über sechs Milliarden Kilometern Entfernung von der Erde. Zusammengesetzt aus 43 Einzelaufnahmen.

Ein hellblauer Punkt

Hier ist es. Ich meine, schau es dir an, es ist ein hellblauer Punkt. Das sind wir! Das ist unser Zuhause. Das sind wir.

Auf diesem Punkt, jeder, den Du liebst; alle die Du kennst; jeder, von dem Du jemals gehört hast, verbrachte dort seine Tage. Die Summe all unserer Freuden und Leiden. Tausende überzeugte Ideologien, Religionen, Wirtschaftsdoktrinen. Jeder Jäger und Sammler, jeder Held und Feigling, jeder Schöpfer und Zerstörer der Zivilisation, jeder König und Bauer, jedes junge verliebte Paar, jedes hoffnungsvolle Kind, jede Mutter und jeder Vater, jeder Erfinder und Entdecker, jeder verehrte Morallehrer, jeder korrupte Politiker, jeder unbestechliche Politiker, jeder Superstar, jeder oberste Führer, jeder Heilige und Sünder in der Geschichte unserer Spezies lebte dort.

Die Erde ist eine winzig kleine Bühne in einer riesigen kosmischen Arena. Denk nur an die Flüsse aus Blut, die von all diesen Generälen und Kaisern, Präsidenten und Premierministern und Parteiführern vergossen wurden, damit sie in Ruhm und Triumph die  momentanen Gebieter einer Ecke eines Punktes werden konnten. Denk nur an die endlosen Grausamkeiten, die die Bewohner eines Teils des Punkts den kaum unterscheidbaren Bewohnern eines anderen Teils des Punkts zufügen. Wie häufig ihre Missverständnisse, wie begierig sie sind, sich gegenseitig zu töten, wie inbrünstig ihr Hass.

Unser Gehabe, unsere eingebildete Selbstgefälligkeit, der Wahn, dass wir eine privilegierte Position im Universum haben, scheint mir durch diesen fahlen Lichtpunkt in Frage gestellt.

Unser Planet ist ein einsamer Fleck in der großen, umhüllenden kosmischen Dunkelheit. In dieser Dunkelheit, in all dieser Weite gibt es keinen Hinweis darauf, dass jemand kommen und uns vor uns selbst retten wird. Das passiert nur, wenn wir es selbst tun.

Es wird gesagt, dass Astronomie eine demütigende Erfahrung ist, und ich würde hinzufügen: charakterbildend. Für mich ist dies nur eine von vielen astronomischen Veranschaulichungen für die Torheit menschlicher Eitelkeiten.

Dieses Bild unterstreicht unsere Verantwortung, freundlicher miteinander umzugehen und den hellblauen Punkt zu bewahren, zu hegen und zu pflegen. Es ist das einzige Zuhause, das wir kennen.

Vielen Dank.

Fragerunde

Wer hat Milliarden und Abermilliarden gesagt [berühmter Satz im Zusammenhang mit Carl Sagan]?

Das kann ich ganz schnell beantworten: Es ist jemand namens Johnny Carson. Ich selbst habe es nie gesagt. Niemals. Ich meine, es ist genauso, wie Humphrey Bogart nie sagte: „Spiel es noch einmal, Sam“. Niemand glaubt es, aber so ist es.

Wo würde das Erscheinen von Bewusstsein in die großen Herabstufungen hineinpassen?

Das ist eine wichtige Frage. Ist dies eine weitere Einbildung, dass nur Menschen ein Bewusstsein haben? Ann Druyan und ich haben ein Buch mit dem Titel „Schatten vergessener Vorfahren“ geschrieben, in dem wir versuchten, systematisch jede dieser Einbildungen zu betrachten, die ich als Eitelkeiten bezeichnet habe, und ich denke, das Erstaunlichste, was wir gelernt haben – oder um für mich zu sprechen, die ich im Laufe der Arbeit an diesem Buch gelernt habe – war, wie wir diese Themen immer wieder falsch einordnen.

Bewusstsein hat verschiedene Ausprägungen. Wenn es bedeutet, sich der Außenwelt bewusst zu sein und sein Verhalten zu ändern, um sich der Außenwelt anzupassen, dann haben meines  Erachtens Mikroben ein Bewusstsein. Wenn du damit tiefe Gedanken wie die Behauptung von Bischof Berkeley meinst, dass nichts existiert, außer dem, was in seinem Kopf ist, halte ich es selbst mit den Mikroben.

Woher weißt du, dass ich irgendwelche Gedanken denke? Nur weil ich zufällig mit dir kommuniziere? Dass ich philosophische Gedanken habe, kann man nicht so einfach erkennen, wenn man mir dabei zusieht, wie ich diese Tasse Wasser trinke, oder? Stell dir also vor, ich wäre stumm, dass ich weder durch Sprache oder Schrift oder irgend etwas anderes kommunizieren könnte. Woher willst du dann wissen, ob ich solche Gedanken habe?

Ich finde die Beweise sehr überzeugend, dass nicht nur die sogenannten höheren Menschenaffen, sondern auch die Menschenaffen und die Affen, sich Gedanken machen. Nicht nur tiefe philosophische Gedanken, sondern ganz praktische Gedanken. Wie Lügen. Wie Betrug. Wie die Planung, andere zu täuschen – und lange im Voraus darüber nachzudenken.

Lass mich dir ein kleines Beispiel geben, das ich deshalb mag, weil es viele verschiedene Bereiche abdeckt. Es bezieht sich auf Forschungsergebnisse aus der Arnheimer Schimpansengruppe in den Niederlanden, eine große, freilaufende Gemeinschaft von Schimpansen. Die Männchen sind testosterongetrieben und unterliegen rasenden hormonellen Ungleichgewichten. Sie werden wütend aufeinander und heben Steine auf. Sie laufen ziemlich weit, um die Steine zu holen, um sie auf den Typen zu schmeißen, den sie nicht mögen.

Schon die bloße Handlung, dorthin zu gehen, außer Sichtweite des Feindes, um die Steine aufzusammeln und sie dann zurückzubringen, um den Stein zu werfen, zeigt vorausschauendes Denken, Verständnis für ein Ziel und Bewusstsein für sich selbst und den Gegner. Das Interessanteste aber ist: Es ist üblich, dass weibliche Schimpansen, wenn sie die mit Steinen beladenen Männchen sehen, auf sie zugehen und sie entwaffnen. Sie reißen ihnen die Steine aus den Armen, öffnen dafür die Finger der Männchen und werfen die Steine weg. Und wenn die Männchen sie verärgert wieder einsammeln, entwaffnen die Weibchen sie erneut.

Also wissen nicht nur die Männchen, was sie vorhaben, sondern auch die Weibchen wissen es. Und das ist für mich nicht nur Bewusstsein, sondern eine soziale Ordnung, die ich gerne öfter auch bei Menschen sehen würde.

Glaubst du, dass wir jetzt so herabgewürdigt sind, wie es eben geht?

Nein.

Welche weiteren Demütigungen drohen uns denn noch in der nahen Zukunft?

Schau, die Idee, dass unser Selbstwertgefühl nicht von etwas rührt, was wir getan haben, nicht von etwas Wertvollem, sondern vom Zufall der Geburt, ist meiner Meinung nach der springende Punkt der Demütigungen. Ich würde sagen, diejenigen von uns, die Angst davor haben, degradiert zu werden, diejenigen von uns, die sich wünschen, wichtig zu sein, sollten anfangen etwas Wichtiges tun.

Wir sollten uns ein leicht verständliches, erreichbares und inspirierendes Ziel für die Menschheit setzen und uns daran machen, es umzusetzen. Das würde uns das Selbstvertrauen geben, das uns so schmerzlich fehlt, weil unser Selbstwertgefühl auf nichts basiert, was wir aktiv tun.

Wir wollen Selbstwert haben? Dann lasst uns einen Planeten erschaffen, auf dem niemand hungert! Lasst uns einen Planeten schaffen, auf dem Männer und Frauen gleichberechtigten Zugang zur Macht haben! Lasst uns einen Planeten erschaffen, in dem keine ethnische Gruppe denkt, sie sei besser, als eine andere ethnische Gruppe! Lasst uns einen Planeten haben, auf dem Wissenschaft und Technik zum Wohle aller auf dem Planeten eingesetzt werden! Und – meine persönliche Eigenart – lasst uns eine Welt haben, in der wir in andere Welten reisen!

Meine Frage ist: Da wir Gott durch all diese Herabstufungen fast verschwinden lassen: Was bedeutet das für uns?

Das wir auf uns allein gestellt sind!

Was meiner Meinung nach viel verantwortungsvoller ist, als zu hoffen, dass uns jemand vor uns selbst retten wird, damit wir uns nicht selbst darum bemühen müssen. Und wenn wir uns irren und es jemanden gibt, der eingreift und uns rettet, okay, ist doch gut. Ich bin dafür. Dann haben wir unsere Wetten wenigstens abgesichert. Das ist die Pascal’sche Wette, nur umgekehrt.

Das Wort Gott umfasst eine enorme Bandbreite an unterschiedlichen Vorstellungen. Von einem übergroßen hellhäutigen Mann mit einem langen weißen Bart, der auf einem Thron im Himmel sitzt und den Sturz jedes Spatzen zählt – wofür es meines Erachtens keine Beweise gibt. Falls jemand doch welche hat, würde ich sie gerne sehen – zu der Art von Gott, von der Einstein oder Spinoza sprachen: die der Summe aller Gesetze des Universums sehr nahe kommt.

Nun, ich wäre verrückt zu leugnen, dass es im Universum Gesetze gibt, und wenn du das Gott nennen willst, dann existiert Gott natürlich. Es gibt noch jede Menge andere Nuancen. Da ist zum Beispiel der deistische Gott, an den viele der Gründerväter der Vereinigten Staaten geglaubt haben, obwohl es ein Geheimnis ist, dessen Name in manchen Kreisen nicht genannt werden darf: ein roi fainéant, ein fauler König. Ein Gott, der das Universum erschafft und sich dann zurückzieht. Und zu dem zu beten absolut sinnlos ist.

„Er ist nicht da. Er ist weg gegangen. Er hatte Wichtigeres zu tun.“

Das ist ebenfalls ein Gott. Also, wenn du fragst: Glaubst du an Gott? Egal ob ich mit ja oder nein antworte, daraus kannst du absolut nichts ableiten.

Es gibt verschiedene Strukturen in den Anden und auch Formationen in Nordengland. Sind das Spuren von Außerirdischen?

Die Ebenen von Nazca.

Nun, woher kommt all dieses Zeug über die Ebenen von Nazca, die irgendwie mysteriös und außerirdisch sind? Es kommt von einem Typen namens Erich von Däniken. Einem Schweizer Hotelier, der ein Buch mit dem Titel “Die Streitwagen Gottes” geschrieben hat, das ein weltweiter Bestseller wurde, in dem er wie folgt argumentiert:

Auf den Ebenen von Nazca in Peru findet man große Zeichnungen. Einige von ihnen sehen aus wie Spinnen, andere wie Truthähne, einige sind einfach gerade Linien. Von Däniken kam zu dem Schluss, dass die geraden Linien Flugplätze waren und das andere Zeug Botschaften, die von tölpelhaften Menschen in die Wüste von Peru gekerbt wurden, angeleitet von außerirdischen Aufsehern.

Wieso? Was soll das? Wissen wir etwa nicht, wie wir große Bilder zeichnen sollen, ohne dass Außerirdische es uns erklären? Einige dieser geraden Linien sind gerade einmal 15 Zentimeter im Durchmesser. Wie groß sind denn die Flugzeuge, die dort landen?

Wie stellen wir uns das vor? Ein interstellares Raumschiff überquert mühelos Hunderttausende von Lichtjahren, die Frachttür öffnet sich, und heraus kommen kleine Propellerflugzeuge von der Größe des Spielzeugs meines dreieinhalbjährigen Sohnes? Und sie landen in Peru und sagen den Leuten:

„Hey, wir haben Spielzeugflugzeuge, los, baut Flughäfen für uns. Und schnitzt einen großen Truthahn in den Boden."

Das ist doch albern.

Alle Fantasien Von Dänikens haben gemeinsam, dass er unsere Vorfahren unter Wert verkauft. Er geht nach Ägypten und sieht Pyramiden.

„Junge, sind die Steine groß. Wie groß sind die?”

„Massive Blöcke von 100 Tonnen.“

„100 Tonnen“, sagt von Däniken, „ich könnte keinen halb so schweren Block heben. Daher sind Menschen nicht in der Lage, Blöcke dieser Masse zu heben. Deshalb müssen es Außerirdische gewesen sein. Q.e.d.“

Aber wenn er Herodot gelesen hätte – ganz zu schweigen von Archäologie – was der in seinen Historien beschrieben hatte, sie wurden sowohl ins Englische, als auch ins Deutsche übersetzt, bekommen wir eine Vorstellung von Steinbrüchen und Baumstämmen als Walzen und Flößen den Nil hinauf und wie Menschen es geschafft haben. Wir sind absolut in der Lage große Dinge zu bauen. Auch diejenigen von uns, die vor langer Zeit lebten. Auch diejenigen von uns mit dunkler Hautfarbe. Menschen wissen, wie man Großes baut.

Und die Idee, dass jedes Mal außerirdische Besuche erforderlich sind, wenn ein naiver Beobachter nicht herausfinden kann, wie etwas getan werden könnte, ist albern!

Der einzig positive Aspekt von Von Däniken ist, dass sein Buch gelegentlich einen frustrierten Leser in die Archäologie treiben könnte.

Was ist mit außersinnlicher Wahrnehmung (ESP), Hellsehen oder Telekinese? Existieren sie und wenn ja, wie ist es entstanden?

Sollte es existieren, wäre es durch Evolution entstanden, durch natürliche Auslese, ebenso wie alles andere auch. Aber was genau verstehen wir unter außersinnlicher Wahrnehmung? Es gibt einen afrikanischen Süßwasserfisch, der statische elektrische Felder aufbaut und dann seine Beute durch Störungen im elektrischen Feld erkennt. Wir können das nicht, es entspricht keinem unserer Sinne.

Hat dieser Fisch außersinnliche Wahrnehmungen? Wenn er außersinnliche Wahrnehmung hat, ist das geheimnisvoll? Ist es eine Herausforderung für die Wissenschaft? Oder ist es einfach nur eine andere Art, die Welt wahrzunehmen?

Also, wenn es so etwas wie außersinnliche Wahrnehmung gibt, denke ich, dass die Chancen sehr gut stehen, dass es von der Wissenschaft gut verstanden werden kann. Aber meines Wissens existiert keine außersinnliche Wahrnehmung oder vergleichbare Phänomene.

Was halten Sie von der Verwendung von Tieren in der biomedizinischen Forschung?

Ich habe sehr mit diesem Problem gekämpft. Zum Teil, weil ich einen Doktoranden habe, Peter Wilson, der mir in dieser Angelegenheit Feuer unterm Hintern macht. Ich habe zum Beispiel eine 20 Jahre alte Lederjacke, die ich früher an der Cornell Universität getragen habe, die ich nicht mehr trage. Ich trage sie manchmal zu Hause, um ganz ehrlich zu sein.

Aber zurück. Ich bin in dieser Frage sehr zwiegespalten: Dass anderen Tieren oder Pflanzen nicht unnötige Schmerzen zugefügt werden sollten, denke ich ist klar. Und dass Tiere nicht für ziemlich triviale Zwecke, zum Beispiel die Herstellung von Lippenstift, leiden sollten, ist denke ich auch klar. Zu argumentieren, dass Tiere nicht für Medikamente und medizinische Verfahren verwendet werden sollten, die Menschenleben retten könnten, ist für mich nicht ganz so eindeutig. Und Charles Darwin machte genau die gleiche Unterscheidung. Er war seiner Zeit weit voraus und war schon damals dagegen anderen Lebewesen grundlose Schmerzen zu zufügen. Er hätte aber auch nicht argumentiert, dass gar keine Tierversuche durchgeführt werden sollten.

Und ich weiß nicht, wie ich es vor Eltern rechtfertigen sollte, die ein Kind verloren haben, nur weil ein medizinisches Verfahren nicht verfügbar war, das mit Hilfe von Tierversuchen einfach hätte verfügbar sein können.

Jetzt kannst du mir sagen, dass ich Menschen höher stelle als andere Tiere. Und was sagst das über mich, besonders am Ende eines Abends, an dem ich Chauvinismus anprangere? Das ist für mich wie dieses Argument, das manchmal vertreten wird:

Warum sollten wir versuchen uns selbst zu retten, wenn ein Asteroid auf die Erde einzuschlagen droht? Das ist doch davor auch schon passiert. Damals sind andere ausgestorben, und vielleicht gibt es uns nur deshalb. Also werden wir jetzt abtreten, damit die Waschbären ihre Chance bekommen. Oder durch Schwefeloxidation mutierte submarine Würmer werden die Erde beherrschen.

An dieser Stelle fällt es mir gar nicht schwer – da ich zufällig ein Mensch bin – zu rechtfertigen, dass Menschen versuchen, unter manchmal schwierigen Umständen zu überleben. Das ist meine Einschätzung. Ich bin mir sicher, wenn ich eine Eidechse wäre, würde ich nur über Folgendes sprechen:

„Ja, lasst uns die Menschen opfern, damit wir bessere Medizin für die Eidechsen bekommen. Ich bin schließlich eine Eidechse.“

Es tut mir leid, aber ich bin nunmal ein Mensch. Nur damit du nachvollziehen kannst, wie ich darüber denke, und ohne zu wissen, was deine Sicht dazu ist.

Erzähl gute Geschichten weiter.

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Vielen Dank!